Inspirations-Artikel

Next Culture Work – Werde zum Kultur-Virus

Was es braucht um dort, wo du gerade arbeitest, die Kultur zu verändern

Bei unserem letzten Next Culture Work Event, einer Veranstaltung zum Thema „Zukunft der Arbeit“, kam mal wieder die Frage auf: „Wie kann ich noch mehr Leute in der Firma, in der ich arbeite für New Work gewinnen?“.

Da meine Verdauung seit Weihnachten streikt und ich an mehr oder weniger starken Verdauungsproblemen leide – ich möchte an dieser Stelle nicht weiter ins Detail gehen – mache ich gerade eine Kur mit nützlichen Darmbakterien. Die Kultur, die derzeit in meinem Darm herrscht, hat sich als nicht sehr nützlich erwiesen, man könnte sogar sagen, die kulturelle Entwicklung erzeugt mittlerweile sogar schädliche Resultate. Durch die Zuführung nützlicher Darmbakterien soll die Kultur in der Art verändert werden, dass alle Beteiligten wieder gut zusammen am gemeinsamen Ziel – nämlich der ungehinderten Aufnahme von Nährstoffen – arbeiten können.

Doch was hat meine Verdauung mit der Zukunft der Arbeit zu tun? Ganz einfach: „Kultur-Bakterien oder -Viren“ sind eine Möglichkeit, um eine Kultur nachhaltig zu verändern. Gleichzeitig ist es eine mögliche Antwort auf die oben gestellte Frage. Kultur-Viren sind sogar noch nachhaltiger in ihrer Wirksamkeit als Bakterien, da sie die Fähigkeit haben, „Programmierungen“ zu verändern. Und jetzt gehe ich auch gerne wieder ins Detail, nämlich in Bezug darauf, wie du ein nützlicher Kultur-Virus in deinem Unternehmen werden kannst – oder auch ein Evolutions-Beschleuniger, Edgeworker, Kultur-Transformator oder ähnliches, falls dir die Vorstellung vom Virus nicht zusagt. Es gibt unterschiedliche Faktoren, die dich zu einem Kultur-Virus machen:

1. Sei mutig und bereit, vorauszu- gehen

Kultur ist etwas ziemlich hartnäckiges. Kulturelle Gewohnheiten und Denkweisen setzen sich in unseren Köpfen und in unserem Verhalten fest, so dass wir uns dieser irgendwann überhaupt nicht mehr bewusst sind. Wie Computerprogramme, die im Hintergrund ablaufen. Irgendwann merken wir dann, dass die gewohnten Verhaltensweisen nicht mehr funktionieren – und vielleicht sogar zu schädlichen Resultaten führen. Aber wir führen dies in der Regel nicht gleich auf unsere kulturellen Muster zurück, sondern wir probieren einfach erst mal neue Methoden aus – Methoden, die in unsere gewohnte Kultur „passen“.

Im Moment stehen wir aber an einem kulturellen Scheideweg. Auch neue Methoden, die zur alten Kultur passen, bringen keine nützlichen Resultate mehr. Unsere Kultur – egal ob im Großen (Gesellschaft) oder im Mittelgroßen (Unternehmen/Organisation) – stellt sich als nicht tragfähig heraus. Es braucht also mehr als nur einen bloßen Change, um neue, nützlichere Resultate zu erzielen – es braucht eine kulturelle Transformation. Und hier kommst du ins Spiel! Da Kultur sehr hartnäckig ist und meist unbewusst, ist es nicht so einfach, diese zu transformieren. Die herrschende Kultur stellt nämlich so etwas wie eine Komfortzone dar, in der sich die der Kultur angehörigen Menschen „sicher“ fühlen – denn Kultur regelt, was im sozialen Miteinander passend ist und was unpassend ist – was für möglich gehalten werden darf und was nicht … Diese Paradigmen sind tief in uns als „Meme“ (das gedankliche Pendant zu Genen) eingegraben.

Wenn du also den Wunsch hast, dass sich das Unternehmen, in dem du arbeitest, in Richtung New Work verändert, darfst du ruhig mit Widerstand rechnen. Es ist ungefähr vergleichbar mit der Zeit, als die Menschen noch glaubten, die Erde sei eine Scheibe. Damals hielt man es für gefährlich zu nah an den Rand der Erde zu gehen, da man herunterfallen konnte. Damals gab es aber auch schon Kultur-Transformatoren, die behaupteten, die Erde sei keine Scheibe, sondern eine Kugel. Und diese Kultur-Transformatoren waren zu der Zeit nicht gerade beliebt. Es gehörte eine gehörige Portion Mut dazu, die Randgebiete zu erforschen und sich dann gegen die Masse zu stellen. Die Menschen haben nicht gleich gejubelt: „Jippieh, die Erde ist gar keine Scheibe, sondern rund, also lass uns auf Abenteuerreise gehen!“ – im Gegenteil! Aber irgendwann waren die Beweise so erdrückend und so offensichtlich, dass die neue Kultur sich durchsetzen konnte.

Was heißt das nun für dich? Es heißt, dass es wahrscheinlich notwendig sein wird, mutiger zu sein als alle anderen. Es heißt auch, dass du mehr Verantwortung übernehmen musst, als andere. Wenn du den Wunsch nach kultureller Transformation verspürst und daran glaubst, dass etwas anderes möglich und nützlich ist für das gemeinsame Ziel, dann bedeutet „Verantwortung“, dass du diesen Job annimmst – selbst wenn du nicht weißt wie es geht. Selbst wenn du zunächst einmal allein auf weiter Flur stehst. Die Menschen in der gewohnten Kultur haben Angst, Neuland zu betreten – sie werden nicht freiwillig an den Rand der Erde gehen, um zu prüfen, ob man wirklich runterfällt. Deshalb wird es deine Aufgabe sein, vorauszugehen – an den Rand der aktuell herrschenden Kultur, um herauszufinden, was wirklich möglich ist. Um die offensichtlichen und erdrückenden Beweise zu finden, die notwendig sind, damit eine neue Kultur sich durchsetzen kann.

Kultur-Kreative sind bereit, ins Neuland vorauszugehen und den Weg für andere zu bahnen!

2. Sei dir bewusst, dass es unter- schiedliche Veränderungstypen gibt

Wenn es um Veränderung geht, gibt es unterschiedliche Verhaltenstypen. Nicht jeder reagiert gleich auf die Möglichkeit von Veränderung. Das ist gut und wichtig zu wissen und zu akzeptieren! Die Innovation Adoption Curve nach Rogers macht es deutlich:

Rogers_Curve

Da du den Wunsch verspürst einen kulturellen Transformationsprozess in deiner Firma anzuzetteln, gehörst du wahrscheinlich zu den 2,5 % Innovatoren – du bist ein Kultur-Innovator. Kein Wunder, dass du dich vielleicht in deinem täglichen Umfeld alleine fühlst. Dann gibt es eine kleine Gruppe, die nur darauf wartet, dass irgendjemand den Startschuss für Veränderung gibt. Sie haben selbst vielleicht keine Idee oder trauen sich nicht, den ersten Schritt zu tun. Wenn allerdings jemand vorausgeht, dann sind sie ganz schnell begeistert und gehen mit. Diese Gruppe sind die „early adopters“ – die Erstanwender oder Veränderungsbereiten.

Dann kommt laut Rogers erst mal NICHTS! Bzw. eine Kluft, die die ersten beiden Gruppen von der nächsten Gruppe trennt. Hier beginnt die träge Masse. Ein Teil dieser Masse nennt Rogers „die frühe Mehrheit“, denn sie lässt sich im Vergleich zur späten Mehrheit und zu den Nachzüglern noch relativ gut in Bewegung setzen. Allerdings braucht es dazu Geduld, schrittweises Vorgehen, Nachhaltigkeit, Erfolgserlebnisse, etc., um hier Stück für Stück Begeisterung zu schaffen und Widerstand gegen Veränderung abzubauen.

Der Rest folgt eher der Mehrheit und neuen gesetzten Umständen, als dass sie für die Veränderung direkt gewonnen werden können. Insbesondere die Nachzügler sind oft die verneinenden Kräfte im Prozess, die möglichst lange versuchen werden, der Veränderung Paroli zu bieten.

Wenn du diesen Zusammenhang kennst, weißt du auch, wonach du suchen musst: nach anderen Innovatoren und den Veränderungsbereiten! Fang mit diesen beiden Gruppen an – stecke sie mit deiner Begeisterung an und beginnt gemeinsam ganz konkrete Dinge anders zu machen. Kümmere dich zunächst nicht um die anderen Gruppen, versuche nicht sie zu überzeugen – das ist Energieverschwendung und kann dazu führen, dass du resignierst!

3. Three is company – Bilde ein Team / einen Stamm, statt es alleine zu versuchen

Eine Möglichkeit die Kultur zu verändern besteht darin, zunächst eine parallele Kultur aufzubauen, die innerhalb bzw. neben der aktuellen Kultur läuft. Getreu dem Motto von Buckminster Fuller geht es nicht darum das Alte zu bekämpfen, sondern etwas Neues zu erschaffen, welches das Alte überflüssig macht, z.B. weil das Neue viel attraktiver und nützlicher ist. Um eine neue Kultur zu erschaffen und bereits in ihr zu leben, bedarf es einer Gruppe. Da Kultur ja, wie oben beschrieben, die soziale Interaktion zwischen Mitgliedern der Kultur regelt, braucht es mindestens 3 Personen, um eine (neue) Kultur zu erschaffen – deinen New Work Stamm!

Du brauchst also mindestens zwei Mitstreiter, um nicht nur über eine neue Kultur nachzudenken oder darüber zu reden, sondern um zu beginnen, diese neue Kultur auch zu leben bzw. Experimente zu machen, wie diese neue Kultur funktionieren könnte. Kultur-Transformation geht nicht im Alleingang! Einzelkämpfertum und „Ich muss es alleine schaffen“ – das gehört ganz klar zu den Paradigmen der alten Kultur. Wie findest du in deiner Firma „Gleichgesinnte“, die genauso begeistert von der Idee sind, eine neue Kultur zu erschaffen, wie du? Mach einen neugierig machenden Aushang am schwarzen Brett oder im Intranet – beschreibe um was es geht und wen du suchst. Berufe ein Treffen ein und sprich von deiner Vision. Gib zu, dass du nicht weißt, wie es gehen könnte, aber bereit bist, es gemeinsam herauszufinden. Sei dabei höchst ansteckend!

4. Führe leidenschaftliche Experimente durch

Wenn du dein Abenteuer-Team beisammen hast, sorge dafür, dass Ihr Euch regelmäßig treffen könnt. Erfindet gemeinsam Experimente, die Ihr im täglichen Arbeitsleben in Euren jeweiligen Abteilungen durchführen könnt, um Erfahrungen mit der neuen Kultur zu machen und um herauszufinden, was funktioniert und was nicht funktioniert. Wählt Experimente aus, die außerhalb Eurer Komfortzone liegen, bei denen Ihr aber totale Lust verspürt, sie durchzuführen. Tauscht Euch bei Euren Treffen über die Erfahrungen aus, die Ihr gemacht habt und erfindet neue Experimente.

Seht Euch bewusst als ein Team, dass mit dem New Work Ansatz experimentiert. Beschäftigt Euch mit Fragen wie:

  • Was ist unser Ziel, unsere gemeinsame Vision?
  • Wie organisieren wir uns?
  • Wie treffen wir Entscheidungen?
  • Wie wird in unserem Team Verantwortung gelebt?
  • Wie sorgen wir für Nachhaltigkeit?
  • etc.

Gebt Euch gegenseitig ehrliches und authentisches Feedback, was innerhalb Eures Teams funktioniert und was nicht funktioniert. Nutzt die Zeit im „sicheren“ Inkubator-Umfeld Eures Teams und werdet zu einer viralen Keimzelle für New Work. Von dort aus beginnt Ihr ebenfalls Experimente in Euren jeweiligen Arbeitsbereichen durchzuführen – vielleicht fangt Ihr an Eure Abteilungs-Meetings oder Projektmeetings komplett anders zu gestalten als bisher. Erweitert Euren experimentellen Radius auf Eure direkten Kollegen. Setzt Eure Erkenntnisse in Eurem jeweiligen Arbeitsalltag um.

5. Erzeuge eine Bewegung

Über kurz oder lang werden die Kollegen merken: da läuft irgendetwas anders. Interessant. Die Ergebnisse in deinem Bereich und in den Bereichen deiner Mitstreiter werden sich deutlich von den Ergebnissen anderer unterscheiden. Die Menschen kommen vielleicht inspiriert aus deinen Meetings, weil du neue Meeting-Technologien angewendet hast. Das wiederum macht andere neugierig. Neugierde ist ein wirksamer Motivator für Innovation – auf jeden Fall wirksamer, als wenn Innovation „verordnet“ wird. Erzählt Geschichten von den Experimenten, die ihr macht und von den veränderten Ergebnissen und lasst die Kollegen spüren, wie viel Spaß Ihr dabei habt. Erzeugt eine Legende!

Dann erschafft Möglichkeiten, damit neugierige Kollegen „andocken“ und mitmachen können. So wird sich der Kreis der New Work Begeisterten immer weiter vergrößern. Irgendwann entsteht Momentum und das ganze wird zu einer spürbaren Bewegung.

In folgendem kleinen Video kannst du beobachten, wie eine Bewegung entsteht und welche Phasen dazu notwendig sind. Wenn du genau hinschaust, kannst du all die oben beschriebenen Dinge wiederfinden.

Risiken und Nebenwirkungen

Über kurz oder lang wird auch die Ebene über dir merken, dass sich da „unten“ etwas tut. Jetzt kommt es darauf an, ob das Unternehmen, in dem du arbeitest schon „bereit“ ist für New Work oder nicht. Eigentlich müssten die Ergebnisse für sich sprechen und die Ebene über dir müsste begeistert sein, von dem was du da eigenverantwortlich auf die Beine gestellt hast. Sie müsste interessiert daran sein, wie du das geschafft hast. Der nächste Schritt wäre die Übertragung der Vorgehensweise auf anderen Bereiche. Das würde zumindest passieren, wenn die Organisation reif für New Work ist.

Es kann aber sein, dass sie noch nicht reif dafür ist bzw. dass die Ebene über dir dein Wirken als Bedrohung ansieht. Dann wird sie dir nahelegen, doch mit dem Unfug aufzuhören und deine Arbeit zu machen. Im besten Falle lässt sie dich in deinem Umfeld New Work anwenden, ohne dir dazwischenzufunken. Im schlimmsten Falle könnte es auch passieren, dass du gefeuert wirst. Das hört sich jetzt vielleicht dramatisch an – aber ganz ehrlich: wenn du schon so weit gekommen bist und eine Bewegung in Gang gesetzt hast, wärest du dann wirklich bereit, damit einfach wieder aufzuhören und zum alten Spiel zurückzukehren, nur um den Job zu behalten? Sorry, das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.

Meist ist es eher so, dass Kultur-Viren an dieser Stelle das Unternehmen verlassen. Sie haben nämlich schon so viel mit New Work experimentiert und Erfahrungen gesammelt, dass sie ihr eigenes Unternehmen gründen oder Unternehmen, die wirklich reif sind für New Work, bei ihrer Transformation unterstützen. Denn wenn du erstmal ein Kultur-Virus bist, dann gibt es für dich einfach kein Zurück mehr.

Und ein letzter Hinweis: gegen die gefühlte Einsamkeit hilft die Vernetzung mit anderen viralen Kultur-Transformatoren!

Herzlichst
Eure Patrizia

P.S. Das nächste Treffen der Next Culture Work Kultur-Transformatoren findet am 30.06.2016 im Stockwerk in Gröbenzell statt www.nextculture.work.

 

 

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